Seit 1986 wird während der Berlinale ein stilistisch und thematisch innovativer Film aus dem Programm des Berlinale Forum mit dem Caligari-Filmpreis ausgezeichnet. Die 41. Preisverleihung fand am 20. Februar 2026 statt

Der von den Kommunalen Kinos und den Kooperationspartnern filmfriend und Gofilex ausgelobte Preis ist mit 4.000 Euro dotiert.


Der Preisträger/die Preisträgerin erhält die Hälfte des Betrages, 2.000 Euro werden für Werbemaßnahmen verwendet, um weitere Kinoaufführungen in Deutschland zu unterstützen, u.A. in Form einer Filmtournee durch kommunale Kinos. Medienpartner des Preises ist das Portal filmdienst.de.

Auf filmfriend.de sind Caligari-Preisträger, weitere Filme von Filmschaffenden, die den Caligari-Filmpreis erhielten, sowie ein Doku-Porträt über Erika und Ulrich Gregor – die Gründer des Berlinale-Forums verfügbar.

Preisträger 2026

If Pigeons Turned to Gold


von Pepa Lubojacki

Regie & Buch: Pepa Lubojacki
Dokumentarische Form, Farbe
Mit: David Richter, Pepa Lubojacki, David Lubojacki, Marco Arnone
Tschechien, Slowakei 2026
110 Min.

Jurybegründung

Der Film, den wir als Preisträger für den Caligari-Preis 2026 ausgewählt haben, haben wir recht früh in unserem Sichtungsmarathon gesehen und er wollte uns seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Das liegt an seinem Thema, aber auch an seinen filmischen Methoden.

“Memory is an unreliable storyteller”, heißt es an einer Stelle. Die Erinnerung, sie ist immer noch unzuverlässig, obwohl das Archiv unserer persönlichen Aufzeichnungen – Fotos, Videos, Audios, Texte, von uns oder anderen aufgezeichnet – unendlich wächst, zunehmend auch in Form von Materialien, die nicht mehr abbildhaften Charakter haben.

Erinnerung und Archiv bleiben zwei verschiedene Dinge. Umso mehr, wenn man Fotos von Menschen Dinge sagen lassen kann, die sie selbst vielleicht nie gesagt hätten. Die Verwendung von KI in diesem Film ist ausgiebig, aber immer verfremdet und immer als solche erkennbar. Die audiovisuellen Brüche, vielleicht auch das ethisch Falsche des In-den-Mund-Legens werden nie durch Hochglanz verdeckt. Die Reflexionsfigur dafür ist eine quietschende Taube. Ein Filter – vielleicht auch eine Maske -, der allen Naturalismus in sein Gegenteil verkehrt.

Die Aneignung des Familienarchivs durch KI ist zweifellos fragwürdig. Gleichzeitig erhebt der Film niemals den absoluten Anspruch, sich ethisch unantastbar zu verhalten, und das ist ihm hoch anzurechnen. Die offensichtlich entfremdeten Fotos und Stimmen stehen tatsächlichem dokumentarischem Material gegenüber und betonen somit diese übergriffige Verfremdung der intimen und fast schon heilig ungetrübten Kindheitsbilder.

Die Videoaufnahmen zeigen ihren Bruder in verletzlichen Situationen, die Regisseurin stellt sich selbst die Frage, inwieweit ein Suchterkrankter überhaupt Zustimmung geben kann. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Entmündigung und Ermächtigung, dem Impuls, den Bruder zu schützen und dem Wunsch, ihm Handlungsmacht zuzugestehen. Dabei steht das reale Material dem nicht-realen gegenüber, sie fordern sich gegenseitig heraus. Selbst wenn KI-generierte Stimmen scheinbar faktische Statements geben, motiviert die “uncanny” Ästhetik die Zweifel an ihrer Richtigkeit. Zu ihrer eigenen Unzuverlässigkeit bekennt sich Pepa mehrmals.

IF PIGEONS TURNED TO GOLD ist ein an sich selbst und seinen Narrationen zweifelnder Film voller Irritationsmomente. Thema sind Süchte, eigene und die von anderen, und ihre Überwindbarkeit und strukturelle Bedingtheit. Im Vordergrund steht die Sucht nach Substanzen, aber darunter liegt die Sucht nach der Kontrolle über die Erzählung des Filmes und seiner Stimmen sowie über das Suchtverhalten des Bruders. Dieses Spannungsverhältnis wird explizit thematisiert.

Durch brutale Direktheit versucht sie, die eigene Scham zu überwinden. Die poppige, aus YouTube-Formaten entwickelte Form steht im starken Kontrast zu den intimen Bekenntnissen. Gleichermaßen zugänglich und schwer verdaulich ist der reflektierende Prozess des Films.

Der Caligari-Preis des Jahres 2026 wird an IF PIGEONS TURNED TO GOLD verliehen.

► Jurybegründung in Englisch


We saw the film we selected as the winner of the 2026 Caligari Prize quite early on in our viewing marathon, and it has stayed with us ever since. This is due to its theme, but also to its cinematic methods.

“Memory is an unreliable storyteller,” it says at one point. Memory is still unreliable, even though the archive of our personal records—photos, videos, audio recordings, texts, recorded by us or others—is growing infinitely, increasingly in the form of materials that no longer have a pictorial character.

Memory and archive remain two different things. All the more so when you can make photos of people say things they might never have said themselves. The use of AI in this film is extensive, but always alienated and always recognizable as such. The audiovisual breaks, and perhaps also the ethical wrongness of putting words in people’s mouths, are never covered up by gloss. The reflective figure for this is a squeaking pigeon. A filter—perhaps also a mask—that turns all naturalism into its opposite.

The appropriation of the family archive by AI is undoubtedly questionable. At the same time, the film never claims to be ethically unassailable, and that is to its credit. The obviously alienated photos and voices contrast with actual documentary material, thus emphasizing this intrusive alienation of the intimate and almost sacred, unclouded images of childhood.

The video recordings show her brother in vulnerable situations, and the director asks herself to what extent someone suffering from addiction can actually give consent. She is torn between incapacitation and empowerment, between the impulse to protect her brother and the desire to allow him to act on his own behalf. The real material is juxtaposed with the unreal, and the two challenge each other. Even when AI-generated voices make seemingly factual statements, the “uncanny” aesthetic motivates doubts about their accuracy. Pepa admits to her own unreliability several times.

“If Pigeons Turned to Gold” is a film that questions itself and its narratives, full of moments of irritation. The theme is addiction, both her own and that of others, and its surmountability and structural conditionality. The focus is on substance addiction, but underlying this is the addiction to control over the narrative of the film and its voices, as well as over her brother’s addictive behavior. This tension is explicitly addressed.

Through brutal directness, she attempts to overcome her own shame. The pop-like form, developed from YouTube formats, stands in stark contrast to the intimate confessions. The film’s reflective process is equally accessible and difficult to digest.

The Caligari Prize for 2026 is awarded to “If Pigeons Turned to Gold.”

► Zur Person Pepa Lubojacki

Pepa Lubojacki (they/she) lebt in Prag, schreibt Drehbücher und dreht Dokumentarfilme. Lubojackis Arbeit behandelt Themen wie Geschlechterbinärität und Stereotypen, Sucht und generationsübergreifende Traumata. Pepa liebt Erdbeeren, Fledermäuse, Tauben und lebt aus Liebe zu den Tieren vegan – und hat selbst bereits zahlreiche Tiere gepflegt, darunter eine 20-jährige Katze, fünfzig Wasserschnecken und Baby-Schafe. Seit ein paar Jahren arbeitet Lubojacki an einem Roman über menschenfressende Kreaturen und Sucht. © Berlinale

Weitere Infos in unserer Pressemitteilung

Die Caligari-Jury 2026

Jonas Helmerichs
schreibt über Filme, dreht auch welche. Seit 2024 ehrenamtlich im Kino im Sprengel in Hannover engagiert. Dort mitverantwortlich für die monatliche Genrefilmreihe Filmklub Daria. Neben dem Studium der Kulturwissenschaften Underground-Filmemacher:in, Filmkritiker:in und Moderator:in. 

Marlene Hofmann
Studentin im Masterstudiengang Filmkultur der Goethe-Uni Frankfurt. Mitarbeit in der Koordination des Studiengangs sowie im
universitätsinternen Filmarchiv. Tätig im Filmhaus Nürnberg und dem Filmverleih Grandfilm.
Engagiert in der Programmplanung des Nürnberg International Human Rights Film
Festivals
(NIHRFF)
, der Film- und Kunstvermittlung sowie der Filmkuratierung.


Moritz Mutter
Leiter der Digitalen Angebote des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB), der 2017 als erste deutsche Bibliothek das Filmportal Filmfriend in den Online-Bestand aufnahm. 2018 folgte das Kurzfilmportal AVA

Liste der Preisträger:

JahrTitelDt. VerleihtitelDt. VerleihRegieLand
2026If Pigeons Turn To GoldPepa LubojackiTschechien / Slowakei
2025FwendsSophie SomervilleAustralien
2024Shahid Schmidbauer FilmNarges KalhorDeutschland
2023De Facto  Selma DoboracÖsterreich / Deutschland
2022Geographies of Solitude Arsenal-Institut für Film und Videokunst BerlinJacquelyn MillsKanada
2021A River Runs, Turns, Erases, Replaces Arsenal-InstitutShengze ZhuUSA
2020Victoria Arsenal-InstitutSofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer und Isabelle TollenaereBelgien
2019Heimat ist ein Raum aus Zeit GMFilmsThomas HeiseDeutschland
2018La Casa Lobo Arsenal-InstitutCristóbal León, Joaquín CociñaChile
2017El mar la mar Arsenal-InstitutJoshua Bonnetta, J.P.SniadeckiUSA
2016Akher ayam el madina (In the Last Days of the City) Wolf Kino / Arsenal-InstitutTamer El SaidÄgypten u.a.
2015Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III Arsenal-InstitutKidlat TahimikPhilippinen
2014Das Grosse Museum RealfictionJohannes HolzhausenÖsterreich
2013Hélio Oiticica Arsenal-InstitutCesar Oiticica FilhoBrasilien
2012Tepenin Ardı (Beyond the Hill) Arsenal-InstitutEmin AlperTürkei / Griechenland
2011The Ballad of Genesis and Lady Jaye Arsenal-Institut (Neue Pegasos)Marie LosierUSA u.a.
2010La bocca del lupo Arsenal-InstitutPietro MarcelloItalien
2009Ai No MukidashiLove ExposureRapid Eye MoviesSion SonoJapan
2008Tirador Brillante MendozaPhilippinen
2007Kurz davor ist es passiertKurz davor ist es passiertFilmgalerie 451Anja SalomonowitzÖsterreich
200637 Uses for a Dead Sheep37 Arten ein Schaf zu nutzenPiffl MedienBen HopkinsGroßbritannien
2005Niu Pi Oxhide  Liu Jia YinChina
2004Dopo MezzanotteDie zweite Hälfte der NachtKairos FilmverleihDavide FerrarioItalien
2003SaltSaltArsenal-Institut vorm. Freunde der Deutschen KinemathekBradley Rust GrayIsland/USA
2002Un Día de SuerteEin GlückstagKairos FilmverleihSandra GugliottaArgentinien
2001Crónica de un desayunoChronik eines FrühstücksArsenal-Institut vorm. Freunde der Deutschen KinemathekBenjamin CannMexiko
2000I Earini synaxis ton agrofylakonDas Frühlingstreffen der FeldhüterKairos FilmverleihDimos AvdeliodisGriechenland
1999Viehjud LeviViehjud LeviArsenal FilmverleihDidi DanquartDeutschland
1998KasabaDie KleinstadtArsenal-Institut vorm. Freunde der Deutschen KinemathekNuri Bilge CeylanTürkei
1997Nobody’s BusinessNobody’s BusinessVentura FilmAlan BerlinerUSA
1996Charms ZwischenfälleCharms ZwischenfälleVentura FilmMichael KreihslÖsterreich
1995*MadagascarMadagascar Fernando PérezCuba
1995*Complaints of a Dutiful DaughterKlagen einer pflichtbewußten Tochter Deborah HoffmanUSA
*1995 zwei Preisträger
1994SátántangóSátántangó Béla TarrUngarn
1993Anlian taohua yuanDas Land der Pfirsichblüte Stan LaiTaiwan
1992SwoonSwoon Tom KalinUSA
1991All the Vermeers in New YorkAll‘ die Vermeers in New York Jon JostUSA
1990UntamagiruUntamagiru Go TakamineJapan
1989SamaDie Spur Néjia Ben MabroukTunesien
1988Nagunenun gilesodo schizi annundaDer Mann mit den drei Särgen Lee Chang-HoKorea
1987Yuki yukite shingunVorwärts, Armee Gottes! Kazuo HaraJapan
1986ShoahShoahArsenal-Institut vorm. Freunde der Deutschen KinemathekClaude LanzmannFrankreich